Taschen aus LKW-Plane – Wie tjuub aus Resten Reisegepäck fürs Vanlife macht

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Am Stand zwischen aufgebockten Geländewagen und Außenküchen riecht es nach Staub und Abenteuer. Hier, auf der Messe, treffen wir Dagmar Kinter. Sie ist die Gründerin von tjuub, einem kleinen Label, das Taschen und Accessoires aus LKW-Plane fertigt – robust, wasserdicht und gemacht für ein Leben unterwegs. „Ich fertige Taschen und Accessoires aus LKW-Plane, speziell fürs Reisen und fürs Overlanding“, sagt sie und zeigt auf einen Tisch voller Stücke in Rostrot, Violett und Schwarz. Wir haben uns mit ihr zusammengesetzt, um herauszufinden, wie aus einem Industrieabfall ein begehrtes Stauraumprodukt für Camper wird – und warum gerade jetzt alle eine bestimmte magnetische Tasche haben wollen.

Eine Manufaktur mitten in Bayreuth

tjuub gibt es seit gut zehn Jahren, gegründet 2013, gefertigt wird ausschließlich in Deutschland. Heute sitzt die Manufaktur in Bayreuth. Das Besondere ist das Material: tjuub arbeitet mit Planenherstellern zusammen und verwendet die Reststücke, die bei der Produktion von Anhängerplanen und Abdeckungen ohnehin anfallen – Stoff, der sonst im Müll landen würde. „Es ist Plane, und es ist Wahnsinn, sie einfach wegzuwerfen“, sagt Dagmar. Über die Jahre sind so beachtliche Mengen zusammengekommen. Upcycling also, nicht Recycling – das Material wird nicht eingeschmolzen, sondern in seiner ursprünglichen Beschaffenheit weiterverwendet. Jedes Stück trägt Spuren aus seinem ersten Leben, auch wenn die LKW-Plane neuwertig ist.

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Warum LKW-Plane das ideale Material fürs Reisen ist

Festes Material bei tjuub
Die LKW-Plane ist extrem robust und bietet dadurch im Vanlife viele Vorteile.

Wer im Van oder Camper lebt, kennt das Problem: Je kleiner das Fahrzeug, desto cleverer muss der Stauraum gelöst sein. Und ständig muss irgendetwas auf dem Boden abgestellt werden – sandig, dreckig, nass. Genau hier spielt LKW-Plane ihre Stärken aus. Das Gewebe ist PVC-beschichtet, wasserabweisend, abwischbar und temperaturbeständig von tiefem Frost bis sommerlicher Hitze. „Das Material selbst ist wasserdicht – und je kleiner das Auto, desto cleverere Stauraumlösungen brauchst du“, erklärt Dagmar. Der praktische Vorteil im Alltag: „Die Tasche wischt du einmal ab, und gut ist.“ Keine durchnässten Stoffbeutel, keine festsitzenden Gerüche, kein Imprägnieren. Für nasse Neoprenanzüge, schlammige Wanderschuhe oder den Müll auf dem Stellplatz ist das eine ehrliche, unkomplizierte Lösung – die nebenbei den Innenraum sauber hält.

Vom Fahrradschlauch zur Planentasche

Größere Tasche bei tjuub
Auch andere Produkte als Muddus sind erhältlich und bieten die gleichen Vorteile, dank des unverwüstlichen Materials.

Der Anfang von tjuub hatte mit Planen noch gar nichts zu tun. Ganz am Anfang vernähte Dagmar abgefahrene Fahrradschläuche zu Federmäppchen und Umhängetaschen. „Da habe ich noch nicht mein eigenes Problem gelöst, sondern eher das eines Fahrradladens“, erinnert sie sich. Ein Händler hatte sie gefragt, ob sie aus dem ganzen alten Schlauch-Material nicht etwas machen könne. Aus dieser Idee – aus eigentlichem Müll etwas Brauchbares fertigen – wuchs nach und nach ein Sortiment. Die klassischen Taschenformate begleiten das Label seit rund zehn Jahren, Federmäppchen für Kabel und Kamera-Akkus kamen erst dieses Jahr dazu. Der Nachhaltigkeitsgedanke war von Beginn an Antrieb, lange bevor Upcycling zum Trend wurde. Heute umfasst die Kollektion etwa 13 Produkte – inklusive Varianten mit und ohne Reißverschluss.

Der magnetische Bestseller „Muddus“

Dagmar zeigt die ursprüngliche Idee, weswegen die Muddus entstand.
Genau dafür wurde Muddus erfunden: um dreckige Gegenstände ordentlich, sicher und sortiert zu verstauen. Hier eben Schuhe.

Spannend wird es bei der Tasche, die Dagmar derzeit fast schneller verkauft, als sie nähen kann: die Muddus, ein magnetischer Organizer aus Plane. Die Magnete sind in die Rückseite eingearbeitet, stark genug, um während der Fahrt zu halten – und die Tasche haftet ohne Bohren und ohne Kleben an jeder Metallfläche im Fahrzeug, an Sitzkonsole, Schiebetür oder Heckklappe. Entstanden ist sie aus einem ganz persönlichen Ärgernis. Selbst minimalistisch Reisende schleppen mindestens drei Paar Schuhe mit: Flipflops, Sneaker, Wanderschuhe. Dagmar hatte dafür lange eine lose Plastikkiste im Van – die ständig im Weg stand. „Ich habe Planen, ich habe eine Nähmaschine – also mache ich jetzt eine Lösung“, beschreibt sie den Moment. So entstand die magnetische Tasche, in die dreckige Schuhe und Hundezeug einfach hineinfliegen können, griffbereit nah an der Tür.

Getestet auf sieben Metern und in Marokko

Tasche mit Magneten
Dank einiger Magnete, kann die Tasche am Beifahrersitz von Kastenwagen befestigt werden. Coole Idee und bisher einzigartig.

Erfunden hat Dagmar die Muddus im Februar, kurz vor einer Reise nach Marokko – und dort gleich unter härtesten Bedingungen getestet. Die Tour fuhr sie in einer geführten Gruppenreise mit dem Anbieter Sprintherapy. Schon unterwegs sagten ihr Mitreisende, dass sie genau so etwas auch bräuchten. Ende April brachte sie die Tasche in den Shop und stellte sie der Sprinter-Szene vor – seither ist die Muddus quasi durchgehend ausverkauft. Dass Dagmar ihre Produkte ernsthaft auf die Probe stellt, nimmt man ihr sofort ab: „Ich lebe in einem Sieben-Meter-Sprinter und bin permanent unterwegs.“ Marokko, zweieinhalb Monate Bosnien, zwei Monate Sardinien – Letzteres ausgerechnet im Dezember. Dauerregen statt Sonne. „Das kann ich nicht empfehlen“, sagt sie und lacht. Aus dieser Erfahrung weiß sie, was im Van wirklich hilft.

Limitierte Farben, echte Unikate

Rote tjuub Tasche
Die Farben sind teilweise begrenzt, da die Taschen aus Reststoffen hergestellt werden.

Weil tjuub mit Reststücken arbeitet, ist jede Farbcharge endlich. Was vernäht ist, ist vernäht. „Dieses Rostrot ist begrenzt, das kriegst du dann nie wieder“, sagt Dagmar und deutet auf einen Stapel. Vom Violett liegen auf der Messe nur noch die letzten Stücke – ein paar Federmäppchen, eine Handvoll Taschen. Dieser Umstand ist Einschränkung und Reiz zugleich: Wer bei tjuub kauft, bekommt nichts von der Stange, sondern ein begrenzt erhältiches Unikat. Für manche ist das ein Nachteil, weil eine Lieblingsfarbe irgendwann nicht mehr lieferbar ist. Für andere ist genau das der Charme. Klar ist: Eine planbare, immer gleiche Massenware wird tjuub bei diesem Materialprinzip nie sein – und will es auch gar nicht.

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Handarbeit, die nicht jeder kann

Wer Plane vernähen will, braucht mehr als eine gewöhnliche Nähmaschine. „Dieses Material kann nicht jeder nähen – du brauchst extra schwere Maschinen“, erklärt Dagmar. Selbst Betriebe, die die Technik haben, winken manchmal ab: Das Wenden der fertigen Taschen sei schlicht zu kraftraubend. Nach ihrem Umzug von Brandenburg an der Havel nach Bayreuth kam ihre langjährige Näherin nicht mit. Heute arbeitet sie deshalb mit zwei kleinen technischen Nähereien zusammen, eine davon frauengeführt. Diese Abhängigkeit von Spezialbetrieben begrenzt das Wachstum – ehrlicherweise gehört auch das zum Bild. Es ist der Preis dafür, dass alles regional und in echter Handarbeit entsteht. Die Muddus kostet am Messestand 89 Euro: „Dafür, dass sie in Deutschland gefertigt ist, finde ich das auch sehr in Ordnung.“

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relleumdesign

Ein Problem, das viele teilen

Was als Lösung für ein einzelnes Ärgernis begann, trifft offenbar einen Nerv. Am Stand greifen längst nicht nur Sprinter-Fahrer zu. „Damit habe ich ein Problem gelöst, das anscheinend viele Menschen haben“, sagt Dagmar. Eigentlich für die Sitzkonsole von Kastenwagen entwickelt, kauften auf der Messe auch Wrangler- und Jimny-Fahrer mit Außenküche die magnetische Tasche – für schmutziges Geschirr oder den Müll. Die Idee, die Karosserie als magnetische Stellfläche zu nutzen, ist im Camp-Alltag bestechend einfach: Alles hängt griffbereit und das Chaos bleibt sortiert.

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Was als Nächstes kommt

Noch ist die magnetische Linie schmal – und vergleichsweise jung. Die Muddus ist erst wenige Monate auf dem Markt, der Bestseller-Status also frisch und im Dauereinsatz über Jahre noch nicht erprobt. Doch Dagmar will den Bereich gezielt ausbauen: ein halb so großes Format ist geplant, ebenso ein längeres, speziell für Müll. Neben den Taschen stehen längst weitere Van-Produkte im Sortiment, etwa eine faltbare Spülschüssel und eine Tasche für Auffahrkeile. Spannend bleibt, ob die kleine Manufaktur die Nachfrage mit ihren spezialisierten Nähereien überhaupt bedienen kann. Eines aber dürfte tjuub treu bleiben: weniger Kram, mehr Leben – und Taschen, die man einmal abwischt, statt sie wegzuwerfen. Für Vanlifer und Overlander ist das eine angenehm bodenständige Haltung.

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