PIEMONT IM DACHZELT

Ein Netz aus abenteuerlichen Pisten und Schotterstraßen finden wir im italienischen Piemont. Sie laden ein zur Erkundung und zum Staunen.

Piemont im Dachzelt
Wir waren mit einem Dachzelt in Italien unterwegs. Unvergesslich schön.
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Die Aussicht, das Panorama – es ist phantastisch. Atemberaubend. Der Blick schweift über grüne Wiesen, einige Steilhänge, in der Umgebung zeichnen sich die Dreitausender und die Nachbartäler ab. Die Augen verlieren sich im Verlauf des geschotterten Weges. Es wird also noch eine Weile so weitergehen. Weiter auf der Assietta Kammstraße (AKS). Man könnte meinen, der Weg wurde zu touristischen Zwecken in den Berg getrieben. Doch weit gefehlt. Der Grund, warum es im hier im italienischen Piemont ein weit verzweigtes Wegenetz gibt, heißt Krieg! Wir sind im Piemont mit Dachzelt unterwegs.

Colle dell’ Assietta – Piemont im Dachzelt

1747 trafen am Colle dell‘ Assietta die Truppen Frankreichs auf die des Königreichs Piemont-Sardinien. Der Nachschub musste rollen, Reserven heran gekarrt werden, Pferdefuhrwerke und Kavallerie beweglich bleiben. Schon in dieser Zeit entstanden die ersten Militärwege in dieser schönen und beschaulichen Bergwelt. Rund 160 Jahre später, die Europäer standen kurz dem ersten Weltkrieg, überspannte bereits ein Netz von Bergfestungen das Gebiet. Man traute seinen französischen Nachbarn hier ebenso wenig, wie Österreich-Ungarn weiter östlich. Alle Seiten errichteten jeweils befestigte Grenzanlagen und Kasernen in teilweise schwindelerregenden Höhen. Mal mehr, mal weniger gut waren die Anlagen miteinander verbunden. Zu jeder der Kasematten und Bunker musste die Versorgung sichergestellt sein. Daher rangen die Pioniere der Natur regelrecht einen Zugang ab. Tunnel, Natursteinmauern und abenteuerliche Streckenverläufe sind so entstanden. Vom Städtchen Susa aus und dem Susatal lassen sich darauf tolle Touren unternehmen. Egal, ob man einen Tag lang ein kleines Abenteuer sucht oder atemberaubende Bergwelten zu zwei- oder mehrtägigen Touren verbinden will.

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Piemont im Dachzelt
Es gibt unzählige tolle Wege, die man an diesem Ort zwischen Italien und Frankreich erfahren kann.

Pelvoux-Massiv

Besagte Strada dell‘ Assietta windet sich kilometerweit über den Gebirgskamm. Je nachdem, welchen Anfahrtsweg man benutzt, kann man ihr rund 60 Kilometer folgen. Begleitet von einmaligen Ausblicken in die Welt der Berge. Wasserläufe queren den Weg, überall auf den Wiesen weiden Rinder. Bergidylle pur. Immer wieder stoßen wir auf Spuren der bewegten Geschichte, welche heutzutage lebendig dokumentiert wird. Beklemmend sind die Kasematten, die teilweise noch erkundet werden können. Kaum vorstellbar, unter welchen Bedingungen die Besatzung dieser Forts hier lebten. Heute bieten die Ruinen und Mauern einen geschützten Zelt- bzw. Biwakplatz. Im Einzugsgebiet der Assietta liegt auch das Refugio Selleries, wo ebenfalls rustikal übernachtet werden kann. Alleine die AKS belohnt den Offroader mit herrlichen Aussichten, etwa auf das Pelvoux-Massiv, den Mont Chaberton sowie hinunter ins Chisone-Tal. Es lohnt sich jeder Abstecher, wie zum Beispiel der am Scheitel des Colle dell’Assietta, wo nach Osten die Strada del Gran Serin zum Gipfelfort auf dem Gran Serin abzweigt.

Beschilderung beachten
Schilder auf dem Weg zeigen, ob bestimmte Wege offen sind oder für den Verkehr geschlossen wurden.

Verbindungen nutzen im Piemont im Dachzelt

Klangvolle Namen hat es viele in dieser Kante des Piemont. Leuchtende Augen bekommen Vanlifer wenn der Colle Sommeiller ins Spiel kommt. Es ist nämlich derzeit der höchste Punkt in den Alpen, der legal mit einem Kraftfahrzeug erreicht werden kann. Daher sind im Sommer hier viele Motorräder und auch Geländewagen unterwegs. Für uns Vanlifer besteht in dem insgesamt rund 50 Kilometer langen Abschnitt eine besondere Herausforderung. Denn Steinschlag und Auswaschungen legen uns bisweilen den einen oder anderen Brocken in den Weg. Das Gestein ist im Sommeiller-Gebiet außergewöhnlich gefärbt und übt so einen besonderen Reiz aus. Oben angekommen markiert auf einem Hochplateau ein Holzzaun die Grenze zu Frankreich. Lohnenswert ist die Aussicht hier oben auf 3.050 Metern auf den Gletscher und den nahegelegenen Bergsee. Einziger Wermutstropfen dieses Abstechers ist, dass man den selben Weg zurück nutzen muss. Trost, wer ihn deswegen braucht, und einen leckeren Imbiss bietet das Rifugio Scarfiotti. Schlafen könnte man hier auch.

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Verschlungene Wege
Die Wege sind oftmals sehr eng und verschlungen. Hier muss man genau aufpassen.

Monte Jafferau abseits von Asphalt

Nicht weniger spannend ist die Tour auf den Monte Jafferau, auf dessen Gipfel sich eine herrliche Aussicht auf das ganze Susatal und die umliegende Bergwelt bietet. Interessant ist die Tour auch deshalb, weil sie sich von Bardoneccia aus zu einem Rundkurs gestalten lässt. Das Fort Foens lädt ein, die Nacht im Schatten der Bruchsteinmauern zu verbringen und die beschriebene Aussicht im Morgenlicht zu genießen. Einfach fantastisch! Auf dem Gipfel des Jafferau sind ebenfalls Ruinen einer Festung zu finden, deren Dach gerne als Aussichtspunkt genutzt wird. Wir blicken wieder auf den allgegenwärtigen Mont Chaberton (3.136 Meter) und die AKS, die zum Greifen nahe wirken. Bis vor wenigen Jahren war hier oben Schluss. Inzwischen geht es hinter den Mauern abwärts in ein neu angelegtes Skigebiet. Die Abfahrt hat es in sich, da die Wege teils sehr ausgewaschen und holprig sein können. Der Ferienort Sauze d’Oulx ist im Sommer nahezu ausgestorben.

Rund um den Mont Cenis

Von Susa aus gut erreichbar ist der Monte Cervino, wie die Italiener den Mont Cenis auf der französischen Seite nennen. Vorbei am Lac de Roterel finden wir den Versorgungsweg für einige Festungen rund um den Mont Cenis. Die Schotterpiste führt uns an das Südufer des Lac du Mont Cenis, ausgehend vom italienischen Bar Cenisio, die Hauptverkehrsstraße oft in Sichtweite. Die Wege um den Lac de Roterel sind bautechnisch sehr interessant, wegen der hohen Stützmauern. Allerdings ist der Untergrund stellenweise recht grob und ziemlich ausgewaschen. Lohnende Abstecher sind die am Lac du Mont Cenis abzweigenden Pisten zum Mont Malamot und zum Fort de Pattacreuse.

Noch Schnee im Sommer
Teilweise sind die Wege noch mit Schnee bedeckt und einige Passagen sind noch unpassierbar. Hier muss man genau prüfen.

Rein optisch merkt man den Grenzübertritt kaum, außer dass die Beschilderungen nun in französischer Sprache verfasst sind. Eine Festungsanlage, das Fort de Variselle, gibt es auch hier. Die Baumeister waren aus Italien, die Anlage diente der Grenzsicherung und liegt oberhalb des Westendes der Staumauer des Lac du Mont Cenis. Die gut erhaltene Anlage und die herrliche Aussicht ist unbedingt den Anstieg zu Fuß wert. Den Stausee umrunden kann man im Geländewagen auf einer geschotterten Piste, die uns zum Col du Petit Mont Cenis und uns zurück zum Lac Roterel bringt.

Die Westalpen – immer eine Reise wert

Alle Routen der Gegend zu beschreiben würde Bücher füllen, was etliche Autoren auch schon taten. Wen es mit dem Offroader in diese herrliche Gegend zieht, findet in der Literatur und im Internet zahllose Tipps, Beschreibungen und Hinweise. Sie lassen sich mittels gutem Kartenmaterial locker verbinden und sind für Reisende leicht einzuschätzen. Die Gegend zieht motorisierte Vanlifer magisch an, da sich hier einige der wenigen noch legal befahrbaren Pisten befinden. Darum finden sich für die Freunde der GPS-Navigation etliche Routen im Netz.

Alleine bleiben
Fast überall kann man einen Ort finden, an dem man übernachten kann. Legal ist das aber oft nicht.

Neben der Bergwelt ist es die italienische Gastfreundschaft und die französische Lebensart, die sich hier sympathisch vermischen. Wer nicht frei stehen will und es gern gediegener hat, dem sei zum Beispiel der Campingplatz Gran Bosco nahe Salbertrand als Ausgangspunkt für Touren empfohlen. Als Etappenziele können Bergdörfer wie zum Beispiel Rochmolles am Einstieg zum Colle de Sommeiller oder die Refugios in den Bergen dienen. In den Tälern bieten Bauernhöfe rustikale Schlafplätze mit Frühstück an.

So sind die kriegerischen Zeiten in den Westalpen Vergangenheit. Die alten Wege erzählen ihre bewegende Geschichte beinahe auf jedem Meter. Was ein Krieg anrichtet, lässt sich hier geradezu anfassen. Bisweilen erwischt man sich jedoch dabei, dass man ihm – wenn überhaupt – auch etwas Gutes abgewinnen kann: das Wegenetz mit seinen tollen Aussichten und kleinen Abenteuern gäbe es wohl so nicht. Genießen wir die friedliche Stimmung, die hier oben heutzutage herrscht.

Text: Ralf Wilke
Fotos: Martin Zink

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